Hashimoto oder das Ende der Schilddrüse wie wir sie kennen

Der japanische Arzt Hakaru Hashimoto (1881-1934) ist kaum jemandem ein Begriff. Doch wenn wir einmal mit ihm konfrontiert werden, lässt er uns ein Leben lang nicht mehr los. Schnell beginnen wir diesen Namen zu verfluchen. Hashimoto war ein Pathologe und Chirurg – und der Entdecker der „Autoimmunthyreoiditis“ bzw. „Hashimoto-Thyreoiditis“ (kurz: „Hashimoto“).

Die Krankheit

Unter einer Hashimoto-Thyreoiditis verstehen wir eine chronische Entzündung der Schilddrüse. Die Entzündung entsteht durch den Körper selbst: „Irrtümlich“ produzieren die körpereigenen Abwehrkräfte Antikörper gegen Eiweiße der Schilddrüse.
Wir unterscheiden zwischen zwei verschiedenen Verlaufsformen:
Die klassische Hashimoto-Variante, bei der sich die Schilddrüse vergrößert, aber zugleich nicht mehr funktionstüchtig bleibt (auch Struma genannt). Diese Form ist häufig eine Folge von Jodmangel; Jod ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Schilddrüsenhormone T3 (Trijodthyronin) & T4 (Thyroxin). Durch die Zerstörung des Schilddrüsengewebes trennt sich sogar ein kleiner Teil der Schilddrüse ab, gerät in den Blutkreislauf und sorgt aufgrund der Hormone zunächst für eine Schilddrüsenüberfunktion. Im weiteren Verlauf, wenn die Hormone im Blut abgebaut worden sind, wird die Schilddrüsenüberfunktion zu einer Schilddrüsenunterfunktion.
Die atrophe Hashimoto-Variante, die übrigens in Deutschland häufiger auftritt als die klassische, bei der das Schilddrüsengewebe durch den konstanten Abbau von Immunzellen zerstört wird, sodass das Organ verkümmert. Es kommt zu einer Schilddrüsenunterfunktion.
Die Autoimmunerkrankung Hashimoto macht zirka 80% aller Fälle von Thyreoiditis (dem Oberbegriff der Erkrankung) aus. Da sie oftmals in Familien auftritt, gehen Experten davon aus, dass es eine genetische Veranlagung gibt. Frauen erkranken dreimal häufiger als Männer an Hashimoto-Thyreoiditis. Die Autoimmunkrankheit tritt zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr auf – und bleibt für den Rest des Lebens.

Die Schilddrüse

Für den Laien kaum zu ertasten, befindet sich die zirka 25 g leichte Schilddrüse unterhalb des Kehlkopfes. Sie mag zwar klein sein, gilt aber als ein Wunderwerk des Körpers; sie beeinflusst maßgeblich den gesamten Stoffwechsel, Nerven, Muskeln, Herz, Kreislauf sowie Magen und Darm. Die schmetterlingsförmige Schilddrüse produziert außerdem lebenswichtige Hormone (T3 & T4), welche den Sauerstoff- und Energieverbrauch sowie die Körperwärme und den Wasserhaushalt regulieren. Die Hormone steuern zudem die Psyche und bei Jugendlichen auch die körperliche und geistige Entwicklung.

Die Symptome

Anzeichen für den Ausbruch von Hashimoto-Thyreoiditis fallen zunächst kaum auf, da der Körper den Hormonhaushalt aufrecht erhalten kann. Durch die Zerstörung der Schilddrüse kommt es später zu typischen Symptomen, als da wären:

  • Ständige Müdigkeit
  • Schwäche
  • Abgeschlagenheit
  • Verlangsamter Puls
  • kalte, schuppende und blassgelbe Haut
  • Desinteresse
  • Unlust
  • Konzentrationsprobleme
  • Gedächtnisschwäche
  • Heiserkeit
  • Kälteüberempfindlichkeit
  • Verstopfungen
  • Gewichtszunahme trotz gleichbleibender Ernährung
  • Trockene Haut
  • Brüchige Nägel
  • Spröde Haare
  • Starker Haarausfall
  • Zyklusstörungen
  • Verminderte Fruchtbarkeit
  • Erhöhte Blutfettwerte

Ein verlangsamter Stoffwechsel hat weitreichende Folgen: So steigt das Risiko für Atherosklerose (Gefäßablagerungen), was wiederum die Gefahr eines Herzinfarkts, Schlaganfalls oder einer Arterienverstopfung in den Beinen erheblich erhöht.

Die Ursachen

Wie bereits beschrieben, entsteht die Autoimmunkrankheit durch einen Fehler der Körperabwehr. Normalerweise attackiert das Immunsystem alle feindlichen Eindringlinge (Viren oder Bakterien); hier aber greift das Immunsystem den Körper an – im Fall der Hashimoto-Thyreoiditis die Schilddrüse. Wie es genau dazu kommt, ist nicht abschließend geklärt. Vermutet wird, dass, neben einer erhöhten Wahrscheinlichkeit bei betroffenen Verwandten, auch Stress, Hepatitis C oder eine schwer verlaufende Viruserkrankung die fatale Autoimmunreaktion in Gang setzen könnte. Eine Ursache, warum Frauen häufiger als Männer erkranken ist übrigens im hygienischen Bereich zu finden: Frauen benutzen Unmengen von Kosmetika im Laufe ihres Lebens. Zum Beispiel ist jede Creme pure Chemie und somit Gift für den Körper. Kein Wunder also, wenn bei Frauen die Krankheit eher ausbricht als bei Männern.

Die Behandlung

Unheilbar! Damit muss sich jeder Betroffene erst einmal arrangieren. Einmal ausgebrochen, lässt sich die Krankheit jedoch medikamentös eindämmen. Nach der Diagnose durch einen Arzt (Antikörpertest + Ultraschall) werden die fehlenden Schilddrüsenhormone umgehend (schleichend) substituiert. Dies geschieht auf Basis künstlicher Hormone (L-Thyroxin). Da morgens der Hormonspiegel höher ist, wird dringend empfohlen, die Tablette eine halbe Stunde vor der ersten Mahlzeit einzunehmen. Bis die optimale tägliche Dosis gefunden ist, können Monate (ja, sogar Jahre!) vergehen. Gehen Sie gerade zu Beginn häufig zum Arzt und lassen sich untersuchen. Ein bis zweimal jährlich sollte der aktuelle TSH-Wert bestimmt und die Schilddrüse geschallt werden. Der Körper gewöhnt sich an die substituierten Hormone und schon bald steigt der Antikörper-Wert wieder an. Hierfür braucht es viel Geduld, denn auch Krankheitsschübe (sowie Schwankungen) gehören zum Bild der Autoimmunkrankheit. Ist der Patient erst einmal passend dosiert, kann er ein ganz normales beschwerdefreies Leben führen und auch die Lebenserwartung wird nicht gemindert. Sprechen Sie aber in jedem Fall die Einnahme von L-Thyroxin mit einem Arzt ab! Wie der Alltag eines „Hashis“ ist, können Sie im folgenden Abschnitt erfahren.

Aus dem Leben eines Hashimoto-Betroffenen

Auch wenn ich nicht zu der typischen Altersgruppe gehöre, möchte ich kurz beschreiben, wie sich mein Leben durch die Diagnose „Schilddrüsenunterfunktion“ verändertet. Mit Anfang 30 wurde ich offiziell zum „Hashi“. Mein TSH-Wert lag fernab von gut und böse (er war um das 20-fache erhöht). Durch die Einnahme von L-Thyroxin fiel der Wert binnen kürzester Zeit in den Keller und der Hormonspiegel stieg anti-proportional. Erste Veränderungen bemerkte ich bereits nach wenigen Minuten(!); ich hatte das Gefühl, mein Leben plötzlich in HD erleben zu dürfen. Von Trägheit war keine Spur mehr. Sport, Arbeit, Psyche – alles ging durch die Decke. War ich zuvor noch unmotiviert beim Sport, verging von nun an kein Tag mehr ohne. War ich bei der Arbeit nicht mehr so recht motiviert, änderte sich das von einem Tag auf den anderen. Auch meine Stimmung verbesserte sich schlagartig. Es war einfach ein unbeschreibliches Gefühl zu wissen, was mir fehlte und dass man dagegen etwas tun konnte. Die Wirkung der Hormone veranschaulichte mir außerdem, was dieses kleine Organ Namens Schilddrüse alles beeinflusst. Mit der Einnahme der Hormone begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Ich hatte das Gefühl, die Welt aus den Angeln heben zu können!

Ein paar Wochen zuvor sah dies noch anders aus. Exzessiver Haarausfall, Müdigkeit, Trägheit, Melancholie – all dies bestimmte meinen Alltag. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagt man. Also gewöhnte ich mich auch an die Alltagsproblemchen. Frühes Aufstehen (Müdigkeit), konzentriertes Arbeiten (Trägheit), Pech mit dem Haarwuchs (Haarausfall), jedoch keine Gewichtszunahme (was aber an meinem exzessiven Sportlerleben lag); ich hatte für jedes Symptom eine passende Erklärung. Dass meine Schilddrüse sich quasi in die Rente verabschiedet hatte, wurde mir erst gewahr, als ich durch eine Operation, die nichts damit zu tun hatte, die einzelnen Werte aufgelistet sah. Hiernach ging alles schnell: Eine Untersuchung beim Arzt, ein Besuch beim Radiologen – und schon war die Ursache klar: Hashimoto-Thyreoiditis. Dachte ich nach der Diagnose zunächst noch an einen Verlust von Lebensqualität, wurde ich schnell eines Besseren belehrt: Das Gegenteil war der Fall! Wie oben beschrieben, änderte sich vieles zum Guten – und das Gefühl hält bis heute an. Durch regelmäßige Untersuchungen wurden immer wieder neue Dosierungen festgelegt und jede einzelne brachte positive Nebeneffekte.

Sollten auch Sie unter den oben genannten Symptomen leiden, schlägt bei Ihnen beispielsweise eine Diät nicht wie gewollt an, dann machen Sie sich mal Gedanken, ob nicht vielleicht auch Sie zur Gruppe der „Hashis“ gehören. Wir freuen uns über jeden Neuzugang. Zögern Sie bitte nicht, einen Arzt zu konsultieren und ihn um seine Meinung zu bitten. Die Nebenwirkungen von L-Thyroxin sind nicht zu unterschätzen, sodass jede Dosis individuell angepasst werden muss.

Ist auch Ihre Schilddrüse von einer Über- bzw. Unterfunktion betroffen? Kennen Sie jemanden, dem es ähnlich erging, wie unserem Co-Autor? Haben Sie vielleicht sogar Ratschläge für ein Leben mit der Autoimmunerkrankung? Lassen Sie es uns wissen in der Kommentarzeile!

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